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    Selbstversuch: Mein Monat mit Hartz 4

    3
    • von Karriere-Einsichten
    • in Berichte · Einsichten
    • — 11. Dezember 2011

    Als Sebastian Pantel im September 2010 zur Bank ging, um sich 364 Euro auszahlen zu lassen, da wusste er noch nicht, was ihn erwarten würde. Er hatte nur eine Idee. Die Reportage seines Selbstversuchs…


    Sie war mir beim Frühstück gekommen, als ich wieder einmal einen Text über den Streit las, der gerade über fünf Euro mehr oder nicht für Hartz-IV-Empfänger durch die Republik wogte.

    Politiker stritten miteinander, Sozialverbände protestierten, Experten sprachen sich für und wider die Erhöhung aus. Nur eine Gruppe blieb still, weil sie nicht gefragt wurde: Die Hartz-IV-Empfänger selbst.

    Meine Idee war einfach: Ich wollte einen Monat selbst von Hartz IV leben. Und ich wollte darüber mit Hartz-IV-Empfängern in Kontakt kommen und über ihr Leben schreiben, ihre Erfahrungen, ihre Gefühle.

    Hartz 4 – Monat wurde Achterbahnfahrt

    Mein Selbstversuch machte mir deutlich, wie wenig sich mein wohlausgestatteter Alltag ums Geld dreht. Und gleichzeitig, wie absurd teilweise die Berechnung des Regelsatzes für einen Alleinstehenden Hartz-IV-Empfänger ist.

    Welche Bildung soll ich mir für 1,39 Euro angedeihen lassen? Wie soll ich mich für 4,14 Euro am Tag ernähren? Wie viele Glas Bier kann ich mit Freunden für 7,16 abends trinken gehen? Nach dreißig Tagen hatte ich noch dreißig Euro übrig. Kein Wunder – denn der Selbstversuch war unrealistisch, er konnte es nur sein.

    Das, was den Monat wirklich so fordernd und teilweise erschütternd machte, waren die Treffen mit Hartz-IV-Empfängern aus den Regionen Bodensee und Schwarzwald. Sie leben – teilweise seit Jahren – von dem staatlichen Almosen. Die meisten würden alles dafür tun, um das zu ändern.

    Und stoßen dabei in einem System an Ecken und gläserne Decken, gegen die eine Kafka-Behörde sich geradezu nüchtern ausnimmt. Zehn Beispiele.

    Erstens. Ein Empfänger war früher einmal beruflich im Irak, im Krieg. Wenn er davon erzählt, von Soldaten mit gezückten Gewehren, von Fahrten in gepanzerten Autos, dann klingen diese Erzählungen fröhlich und unbeschwert. Sie handeln von einer besseren Zeit – als der Mann noch Arbeit hatte. Heute ist sein Alltag leer. „Wenn ich mich jetzt aufgebe, dann hat der Teufel gewonnen“, sagt er.

    Kurs muss sein, auch für Quatsch

    Zweitens. Ein Empfänger mit chronisch schlechten Leberwerten wird zum Amtsarzt geschickt. Dieser bescheinigt mit Blick auf die Werte schwere Alkoholabhängigkeit – was nicht stimmt. Trotzdem muss der Mann einen Kurs bei der Suchtberatung absolvieren. Der Kursleiter ist irritiert, weil der Mann hier offensichtlich fehl am Platz ist. Doch der Kurs muss sein.

    Drittens. Eine Empfängerin lebt in einer Wohnung, die zwar etwas größer ist als die erlaubten 45 Quadratmeter, aber dafür unschlagbar günstig. Sie muss dennoch ausziehen – in eine kleinere, dafür aber deutlich teurere Wohnung. Dem Gesetz ist damit Genüge getan – und der Staat übernimmt die höhere Miete.

    Viertens. Ein Empfänger fragt bei einem Sachbearbeiter eine Sonderzahlung an – und erhält zur Antwort „Dafür gebe ich Ihnen mein Geld nicht“.

    Fünftens. Die Tochter einer Empfängerin würde gern Zeitungen austragen, um damit ein Hobby zu finanzieren. Doch der Lohn würde angerechnet – und der Familie damit vom Regelsatz abgezogen. Die Mutter sagt: „So bekommt meine Tochter vom Staat beigebracht, dass sich Arbeit nicht lohnt“.

    Studium für Anfänger

    Sechstens. Für Schüler ist pro Schuljahr eine Summe von 100 Euro für Bücher, Hefte und anderen Schulbedarf vorgesehen. Diese 100 Euro werden aber nur bis zur 10. Klasse gezahlt. Warum? Ist das Abitur bei Hartz-IV-Kindern nicht vorgesehen?

    Siebtens. Der Sohn einer Mutter will studieren – im fernen Freiburg. Um sich das leisten zu können, hätte er Bafög beantragt. Das allerdings wäre auf den Regelsatz der Mutter angerechnet worden – und der Sohn hätte daheim wohnen bleiben und sich vor Ort einen anderen Studienplatz suchen müssen.

    Denn bis zum Alter von 25 ist der Sohn laut Gesetz Teil der Bedarfsgemeinschaft. Mit 25 hat man allerdings in der Regel heute sein Studium bereits beendet.
    Achtens. Eine diplomierte Akademikerin wird zum sogenannten „Profiling“ geladen, bei dem „zusammen mit dem Arbeitslosen die für die Vermittlung erforderlichen beruflichen und persönlichen Merkmale des Arbeitslosen, seine beruflichen Fähigkeiten und seine Eignung festgestellt“ werden (Arbeitsagentur).

    Profiling von Amts wegen

    Sie bekommt dort Fragen gestellt wie „Können Sie deutsch?“ und „Können Sie mit einem Computer umgehen?“ Die Sachbearbeiterin vermerkt im Protokoll: „Frau XY macht einen sauberen Eindruck und ist ordentlich gekleidet.“ Das Profiling wird von der Arbeitsagentur als „Dienstleistungsangebot“ bezeichnet.

    Neuntens. Ein Mann war früher selbstständig, Chef von 19 Angestellten, er verdiente richtig gut. Dann wurde er krank und dadurch arbeitslos. Jetzt ist er Anfang 50, zu 90 Prozent schwerbehindert, und lebt seit Jahren von Hartz IV. Als Frührentner wird er nicht anerkannt – er könne eine Stunde am Tag arbeiten, beschied der Arzt. Natürlich findet der Mann keinen Job. Der Rat aus dem Jobcenter: „Sie müssen Ihre Behinderung bei der Bewerbung ja nicht angeben.“

    Zehntens. Techniker-Krankenkasse und DGB haben Studienzum Zusammenhang von Krankheit und Arbeitslosigkeit durchgeführt. Die Ergebnisse: Arbeitslose sind häufiger und länger krank als Arbeitende. Sie brauchen mehr Pychopharmaka, die Zahl der Depressionen steigt bei ihnen viel stärker. Und: Arbeitslose sterben früher.

    Schattenreich im Süden

    Mein Monat mit Hartz IV war ein Blick in ein Schattenreich direkt vor der Haustür – in einer der wohlhabendsten Regionen Deutschlands. Ich habe viel gelernt, vor allem: Dass der Ton der gesellschaftlichen Debatte die Betroffenen mehr schmerzt als Geldmangel, fehlender Lebensstandard oder Perspektivlosigkeit.

    Als im Februar der Regelsatz dann tatsächlich im fünf Euro erhöht wurde, meldeten sich viele damalige Gesprächspartner bei mir. Einige hatten wieder Arbeit gefunden, bei anderen hatte sich nichts getan. Ihre Kommentare waren alle gleich: Fünf Euro mehr oder weniger – darum geht es nicht. Es geht darum, nicht permanent als Verlierer, Faulenzer und Schmarotzer gebrandmarkt zu werden.

    In meinen 30 Tagen mit Hartz IV bin ich nachdenklich geworden. Und intolerant. Nicht den Betroffenen gegenüber, sondern denen, die eiskalt über ihre Köpfe hinweg diskutieren, ohne die Zahlen und Fakten und die Menschen dahinter zu kennen. Genau hinschauen ist eben mühsam. Blind nach unten treten ist einfach. Jeder kann selbst entscheiden, was er tut.

    Sichtweise! Sebastian Pantel arbeitet als Regionalreporter beim Südkurier. Für seine Ich-Reportagen zu Hartz 4 wurde er mit dem Journalistenpreis der Diakonie in Baden ausgezeichnet. Mehr auf seinem Blog…

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    3 Kommentare

    1. Neues Jahr, neuer Job | JOBlog - der Job & Karriere Blog sagt:
      14. Dezember 2011 um 16:55

      [...] sehr interessant -> Sebastian Pantel´s Selbstversuch -> Mein Monat mit Hartz4 Wem diese kurze Zusammenfassung zu kurz ist, der kann sich gleich noch durch den Selbstversuch [...]

    2. Kiat Gorina sagt:
      14. Dezember 2011 um 20:22

      Um diese Hartz IV Gesetze hat sich ein Verwaltungsmonster aufgebaut, das schon längst nicht mehr finanzierbar ist. Die Verwaltung eines Hartz IV Beziehers kostet monatlich mehr als 1.500 Euro – also viel mehr, was beim Bedürftigen ankommt. Es gibt jedoch eine Alternative – das bedingungslose Grundeinkommen. Und es gibt einen Artikel “Ist das bedingungslose Grundeinkommen finanzierbar?” Ja, es ist finanzierbar! Das hat sogar der derzeitige Bundesfinanzminister – ungewollt – bestätigt. Mehr dazu auf meinem Blog: http://www.youtube.com/watch?v=kWN4rc0JVcs

    3. Nachhaltigkeit: Impulse für Mitarbeiter und Manager | Karriere-Einsichten sagt:
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      [...] und Unternehmen in die Pflicht nehmen wird. Diese Themensetzung ist eine Chance, die grundlegende Orientierung unserer Wirtschaftsweise zu [...]

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